Meine Lieblingstracht ist die bunte katholische aus Heroldsbach bei Forchheim in Oberfranken, bei der oft scheinbar weder Farben, noch Muster zusammenpassen. Aus meiner Kindheit kenne ich noch die Kreeweibla oder Krenweiberl: Frauen, die in dieser Tracht mit einem großen Weidenkorb auf dem Rücken von Haus zu Haus gingen und Kren (Meerrettich) und Kräuter verkauften. Manche fuhren regelmäßig bis nach München. Heute gibt es nur noch ein paar wenige alte Frauen, die diese Tracht im Alltag tragen. Die Kleidungsweise mit besticktem Mieder, hüftbetonenden Stehfaltenröcken und weiter Schürze stammt noch aus den 50er Jahren. In einigen Orten der Fränkischen Schweiz wird zu bestimmten Anlässen (z.B. Fronleichnamsprozession) auch noch die Vorgänger-Tracht getragen, die u.a. längere Röcke und kürzere Oberteile aufweist und mit dem "Hörnertuch" kombiniert wird.

 

 

Das (Trachten-)Gewand, also die Kleidung, heißt in Franken z.B. "Woar" oder "Montur", in einem Teil von Schwaben „Häs“. Das Werktagshäs lernte ich in meiner Lehrzeit als Schneiderin in Bayerisch Schwaben kennen. Es besteht aus einem schlichten, geknöpften Leibchen mit separatem oder angenähtem langen Rock und einer Schürze. Um 1900 sahen so die Unter- und Arbeitskleider aus. Aus dieser wenig regionalen Form hat sich auch das allseits bekannte Dirndl entwickelt. Das Werktagshäs von heute kann sehr vielseitig sein: je nach Verzierung und Material passt es zum Arbeiten, Feiern oder Repräsentieren. Wenn Leibchen und Rock dabei getrennt sind, ergeben sich viele Kombinationsmöglichkeiten. Zum Beispiel lässt sich das selbe Oberteil genauso gut zu einem langen Rock mit Schürze tragen, wie zu einem Bahnenrock oder einer Jeans. Statt Bluse kann ein einfarbiges T-shirt zum Ensemble kombiniert werden. So ist das Werktagshäs auch heute noch alltagstauglich - ein Häs für jeden Tag eben.

 

 

Die Trachtenberatungsstelle Oberfranken initiierte 2011 eine Trachtenerneuerung für Kulmbach. Hierfür durfte ich ein Modell entwickeln, das alltagstauglich sein sollte. Das regionalspezifische Element ist in diesem Fall der aufwändige Faltenbesatz am Saum des Leibrocks, während das Oberteil schlicht gehalten und in der vorderen Mitte unsichtbar durch Haken- und Ösen verschlossen wird.

Das Kleid ist aus angenehm zu tragenden, kleingemusterten Baumwollstoffen genäht und je nach verwendeter Schürze verschiedenen Anlässen anpassbar. Zum Beispiel mit einer Baumwollschürze fürs Dorffest, und mit einer Seidenschürze für den Kirchgang. Mit T-shirt, Hemd oder Bluse lässt sich außerdem der Charakter der Erscheinung je nach Wunsch und Gelegenheit verändern.

 

 

 

Seit meinem Studium der Volkskunde habe ich Kontakt zur Trachtenberatungsstelle Oberfranken. 2010 bekam ich durch die hiesige Trachtenberaterin Frau Dr. Birgit Jauernig Gelegenheit bei der offiziellen Trachtenerneuerung für das Coburger Land, die über ihre Stelle betrieben wurde, mitzuwirken. So entstanden verschiedene Modelle, die typische Elemente der historischen Coburger Tracht aufgriffen - dazu gehören die schmalen, geschleiften Träger, die an die Rokokozeit erinnern, und der geknöpfte Riegel unter der Brust, der bei den Originalkleidungsstücken oft durch besondere Glasknöpfe auffällt. Für meine erste Umsetzung entschied ich mich entgegen der historischen Vorlagen für helle Farben und pflegeleichte Stoffe, so dass das Gewand gut in einen fränkischen Festsommer passt. Danach entstanden wildere Modelle, z.B. ein Kleid mit üppig dekoriertem Brustriegel und Fellschürzchen oder eine Mieder-Rock-Kombination mit festlicher Schürze aus einem indonesischen Sari.

 

 

Auf alten Portraits und Votivbildern der Rokoko-Zeit, also des 18. Jahrhunderts sind oft junge Frauen in Schnürmiedern und weiten Röcken zu sehen. Ich lernte diese Tracht durch meine Ausbildung bei derTrachtenberatungsstelle des Bezirks Schwaben kennen.

Monika Hoede, die schwäbische Trachtenberaterin und meine ehemalige Lehrmeisterin machte diese Trachtenform durch Publikationen und Nähkurse in ihrer Region wieder populär. Durch Metallborten, Schleifchen und Schnürung wirkt ein Mieder nach Rokokoart besonders prächtig und ist auch in Kombination mit einem Minirock festtauglich.

Als punkige Variante habe ich mir ein Mieder aus alten Jeans-Hosen und mit Dosenlaschen als Schnürhaken einfallen lassen. Für ein exotisches Modell mit bodenlangem unbeschürzten Rock habe ich traditionelle südafrikanische Baumwollstoffe (sog. „shweshwe“) verwendet und das Mieder mit alten Reißverschlüssen verziert.

 

 

Je mehr Trachten ich kennenlerne, desto mehr Ideen entwickle ich auch, sie zu kombinieren. Die Kleidungsweisen aus unterschiedlichen Epochen und Regionen inspirieren mich zu neuen bunten Kombinationen. Manchmal nähe ich ein ganzes Gewand, nur um eine Ziertechnik anwenden zu können. So geschehen 2012, als ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen von den Trachtenberatungsstellen Schwaben und Oberbayern am Handarbeitsbuch Rüschen schrieb. Inspiriert vom Thema und anlässlich der Modenschau zur Buchpräsentation im Textil- und Industriemuseum Augsburg entstanden einige Modelle. Hierfür fertigte ich u.a. Rüschen aus Gurtband, schmückte eine Hasenfell-Schürze mit Stoffrosetten und erfand die Wechselrüsche – ein austauschbares Zierelement an einem Mieder, für das ich mich an einer mittelfränkischen Tracht aus Weißenburg orientiert habe.